~ Tausend Sterne entfernt ~

Jennifer spang

Das schrille Piepen des Weckers zerriss die Stille und Ian schreckte mit weit aufgerissenen Augen und wild in der Brust hämmernden Herzen aus seinen wirren Alpträumen auf.
Mit einem leisen Fluchen auf den Lippen schlug er auf den Knopf, damit dieses nervtötende Geräusch endlich aufhörte, dann ließ er sich tiefer in sein Kissen sinken und zog sich die Decke über den Kopf.
Am liebsten würde er sich den ganzen Tag hier verkriechen, niemanden sehen, sich keinen Aufgaben stellen müssen.
Dieser zweifellos brillante Plan wurde jedoch schon nach kurzer Zeit von der Weckwiederholung vereitelt, die ihn daran erinnerte, dass Arbeit auf ihn wartete.
Langsam und mühsam kroch er aus seinem Bett und schlurfte mit hängenden Schultern ins Badezimmer.
Er sah müde aus, sein Gesicht war blass und er hatte in den letzten Monaten erschreckend viel Gewicht verloren.
Es brachte mich beinahe um den Verstand, ihn so sehen zu müssen, so niedergeschlagen und schwach. Am schlimmsten war jedoch das Wissen, dass ich daran schuld war. Und dass es nichts auf der Welt gab, womit ich ihm helfen konnte.

Der Wecker klingelte und Rose schlug sofort die Augen auf und streckte sich wohlig. Dann schlug sie voller Elan die Bettdecke zurück, sprang auf und drehte ihre Anlage auf.
Während sie ins Bad ging und sich auf den Tag im Büro vorbereitete, bewegte sie sich ausgelassen zur Musik und sang den Text in ihre Haarbürste. Und sie konnte mit Stolz behaupten, dass ihre Creme- und Shampoofläschchen durchaus begeistert von ihr wirkten.
Schließlich schnappte sie sich noch einen Apfel für unterwegs und fuhr dann, begleitet von dem schnellen Rhythmus ihres Lieblingsliedes, in Richtung Büro.
Sie freute sich auf die Arbeit und auf die Aufgaben, die dieser Tag für sie bereithielt und die sie hoffentlich fordern würden.

Überfordert und müde. So fühlte Ian sich, als er sich schwerfällig in sein Auto sinken ließ.
Aus dem Radio drang die dröhnende Stimme des Reporters und raubte ihm den letzten Nerv. Was kümmerte es ihn, dass für die Schüler ein Hitzefrei erwartet wurde? Oder welcher Fußballverein die besten Aussichten auf einen Sieg bei dem heutigen Spiel hatte?
All das konnte seine düsteren Gedanken nicht stoppen, konnte ihn nicht dazu bringen, sich besser zu fühlen.
Für einen kurzen Moment ließ er seinen Kopf auf das Lenkrad sinken, schloss die Augen und dachte an die Zeit zurück, als alles noch in Ordnung gewesen war. Oder anders gesagt: Die Zeit vor dem Motorradunfall. Die Zeit vor meinem Tod.
Es versetzte mir einen scharfen Stich, ihn so leiden zu sehen, und ich wäre unwahrscheinlich gerne zu ihm gegangen, um ihn in den Arm zu nehmen.
Aber ich konnte nicht. Man könnte wohl sagen, dass ich dafür einfach viel zu weit weg bin. Ungefähr tausend Sterne entfernt.

Schwungvoll fuhr Rose in eine Parklücke und stieg aus dem Wagen aus. Sie genoss das Gefühl, dass die Sonne ihr warm auf den Rücken schien und lächelte glücklich zum Himmel hinauf.
Die Freude über ihre Beförderung war so groß, dass nichteinmal der Gedanke an den mürrischen, wortkargen Mann, mit dem sie sich das Büro teilte, ihre Laune trüben konnte.

Unter Zeitdruck drehte er seine Runden über den Parkplatz. War ja mal wieder typisch, dass es für ihn keine Parklücke mehr gab!
Genervt schlug Ian auf das Lenkrad und musste dann notgedrungen in einer nahen Seitenstraße parken.
So wie der Tag anfing, hätte er wohl wirklich besser im Bett bleiben sollen.

Summend betrat sie das Büro, das noch vollkommen verlassen dalag und ließ sich von dem Stolz durchdringen, es so weit geschafft zu haben.
Dann öffnete sie das Fenster und atmete die frische und noch kühle Luft ein, die augenblicklich ins Büro strömte. Nun konnte sie sich in ihre Arbeit stürzen.

Ian sah das offene Bürofenster und verzog das Gesicht. Das konnte nur bedeuten, dass sie schon da war. Rose, seine neue Kollegin.
Eigentlich war sie ziemlich nett und sah sogar sehr gut aus mit ihren langen dunkeln Haaren und den braunen Rehaugen.
Doch sie war immer so unerträglich fröhlich und versuchte ständig, ein Gespräch mit ihm anzufangen.
Er wusste, sie meinte es gut, und er bewunderte es, dass sie sich trotz seiner schlechten Laune so viel Mühe mit ihm gab und so geduldig mit ihm war.
Ian ist eigentlich ein wirklich netter Kerl und ich weiß, dass er es hasste, immer so unfreundlich zu ihr zu sein. Doch im Augenblick war er völlig machtlos dagegen. Ihm war einfach nur alles zu viel.

Rose sah auf die Uhr. Gleich würde er kommen und seine schlechte Laune würde sich wie dicker Nebel im ganzen Büro ausbreiten, während er schweigend an seinem Schreibtisch sitzen und, nur von einem gelegentlichen Fluchen unterbrochen, stumm vor sich hinarbeiten würde.
Rose spürte, dass da noch etwas anderes war, dass  es einen Grund für seine schlechte Stimmung gab. Alles in allem wirkte er einfach nur komplett niedergeschlagen und irgendwie traurig.
Doch jeder ihrer Versuche, mit ihm zu sprechen und sich dem Thema zu nähern, war bisher sofort von ihm abgeblockt worden.
Gerade als sie darüber nachgrübelte, öffnete sich die Tür und er betrat das Büro.
„Guten Morgen“, begrüßte sie ihn und bemühte sich um ein Lächeln.
Seine Lippen hoben sich ein winziges bisschen, doch er wich ihrem Blick aus.
„Guten Morgen“, brummte er schließlich und versteckte sich ohne ein weiteres Wort hinter seinem Bildschirm.

Sie hatten wahnsinnig viel zu tun und der Tag verging wie im Flug.
Hin und wieder ertönte ein lautes Fluchen aus Ians Ecke, doch Rose hatte mittlerweile gelernt, das zu ignorieren, und arbeitete einfach weiter.

Als sie schließlich in die immernoch ziemlich schwüle Abendluft trat, atmete sie mit einem zufriedenen Seufzen aus. Sie hatte heute wirklich viel geschafft und der Feierabend war mehr als verdient.
Leise summend schlenderte sie zu ihrem Auto, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne. Auf der Bank hinter dem Gebäude saß Ian, vollkommen in sich zusammengesunken, den Kopf in die Hände gestützt.
Rose zögerte, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, ihm zu helfen, und dem dummen Gefühl, dass er ihre Hilfe überhaupt nicht wollte.
Sie machte einen unsicheren Schritt in seine Richtung, legte sich im Kopf bereits zurecht, was sie zu ihm sagen wollte, doch dann blieb sie stehen, schüttelte entschieden den Kopf und stieg stattdessen in ihr Auto.
Er hatte ihr bisher immer deutlich gezeigt, dass er nicht mit ihr reden wollte, also war es wahrscheinlich besser, sie ließ ihn in Ruhe.

„Ihre Arbeit lässt in letzter Zeit sehr zu wünschen übrig, Herr West. Und wir sind wirklich mehr als nur untröstlich, aber wir müssen uns unter diesen Umständen wohl leider von Ihnen trennen.“
Wieder und wieder ertönten diese Worte in Ians Kopf und stachen auf ihn ein wie unzählige Dolche.
Er hatte seinen Job verloren. Und damit das einzige, das ihn noch dazu brachte, das Haus zu verlassen.
Langsam hob er seinen Kopf und blickte auf das Gebäude, in dem er sieben Jahre seines Lebens verbracht hatte. Er hatte hier seine Ausbildung gemacht, hatte sich dann mühsam hochgearbeitet, ständig Überstunden gemacht und sich den Arsch aufgerissen, um den hohen Anforderungen gerecht zu werden.
Doch dann war der Unfall passiert und seitdem hatte sich alles verändert.
Und nun war er hier, ohne Job, ohne eine Idee, was er mit seinem Leben anfangen sollte, doch vor allem: Ohne seinen großen Bruder. Denn ich war aus dem Leben gerissen worden.
Energisch, beinahe schon wütend, wischte Ian sich die bescheuerten Tränen aus dem Gesicht und stapfte zu seinem Auto.
Er atmete ein paar Mal tief durch, versuchte, seine aufgewühlten Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen und sich zu beruhigen. Es dauerte eine Weile, doch schließlich fühlte er sich in der Lage dazu, den kurzen Weg bis nach Hause zu bewältigen.
Ich muss zugeben, dass selbst ich zu diesem Zeitpunkt nicht vorhersah, was gleich passieren würde.
Ian war schon immer der vorsichtigere von uns beiden gewesen, derjenige, der keine großen Risiken einging und wachsam durchs Leben ging.
Ganz im Gegenteil zu mir: Ich war definitiv derjenige gewesen, der unserer Mutter mehr schlaflose Nächte bereitet hatte. Ihr kleiner Draufgänger, wie sich mich liebevoll und doch stets voller Sorge genannt hatte.
Und es stimmte, ich hatte das Abenteuer geliebt, war ständig auf der Suche nach einer neuen Herausforderung gewesen und war dabei auch nicht davor zurückgeschreckt , auf einen Motorradtrip in abgelegene Landschaften zu fahren oder mich von Klippen ins Meer zu stürzen.
Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass selbst die allergrößte Vorsicht mich nicht vor dem Lastwagen bewahren können hätte, der mich auf dem Motorrad übersah und mir schließlich zum Verhängnis wurde.

Und auch Ian nützte diese Vorsicht herzlich wenig, als urplötzlich ein Reh mitten auf seiner Fahrbahn auftauchte und er hektisch das Lenkrad herumriss, um dem Tier auszuweichen.
Ich schrie und tobte, als sein Wagen von der Straße abkam und gegen einen Baum krachte, ich verfluchte das Leben, verfluchte den Tod, schrie mir immer weiter die Seele aus dem Leib, fuhr mir wütend durchs Haar und riss mir ganze Büschel davon heraus. Es war alles so wahnsinnig unfair! Nicht Ian! Nicht mein kleiner Bruder!
Ich sank völlig kraftlos in mich zusammen, wartete mit angehaltenem Atem, zum ewigen Zuschauen verdammt.
Etwas bewegte sich im Innern des Fahrzeugs, Ian war schwer verletzt und ich konnte seine brennenden Schmerzen spüren, aber er lebte! Er lebte noch.
Tränen der Erleichterung liefen mir in dicken Topfen die Wangen hinab und ein heiseres Schluchzen drang aus meiner Kehle, als nach einer gefühlten Ewigkeit ein anderes Auto heranfuhr und stehen blieb, um ihm zu helfen.

Sie hatte noch schnell ein paar Besorgungen erledigt und wollte eigentlich nur nach Hause, als sie die Spuren der Verwüstung gesehen hatte, die Ians Wagen hinterlassen hatten.
Dann hatte sie das Wrack gesehen und eine Vollbremsung hingelegt.
Sie hatte eine unendlich große Angst, das konnte ich ihr deutlich ansehen. Das Bild des zerstörten Autos war schrecklich und als Rose dann auch noch ihren Kollegen erkannte und sah, wie übel er zugerichtet war, war es endgültig vorbei. All das Blut und der beißende Geruch, der in der Luft lag, brachten ihren ganzen Körper zum Zittern. Ihr drehte sich der Magen um und sie erbrach sich.
Doch dann richtete sie sich entschieden wieder auf, rief den Notruf an und kümmerte sich schließlich um Ian. Sie ging zu ihm, hielt seine Hand und redete die ganze Zeit über auf ihn ein, damit er wach blieb. Damit er bei ihr blieb.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern und ihre Worte ergaben wenig Sinn, doch langsam, ganz langsam suchten Ians Augen ihre und weiteten sich vor Erstaunen, als er schließlich Rose erblickte.
Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch kein einziger Laut drang heraus und plötzlich konnte er sich nicht mehr konzentrieren. Eine samtene Dunkelheit griff nach ihm und umfing ihn mit gierigen Fingern. Er ließ sich darin zurücksinken und spürte, wie sein Bewusstsein schwand. Das letzte, was er sah, war Roses Gesicht, dann umfing ihn Dunkelheit.

Der Wecker schrillte und Rose schreckte aus dem Schlaf. Sie hatte die ganze Nacht lang kaum ein Auge zu bekommen und fühlte sich wie gerädert.
Egal ob in ihren Träumen oder in wachem Zustand, die ganze Zeit über war sie von den Bildern des gestrigen Tages verfolgt worden. Ians Unfall.  Das völlig zerstörte Auto. Das Blut. Ians Gesicht, mit Kratzern und Schnittwunden übersät. Der Blick seiner blauen Augen, die sich hilfesuchend in ihre gebohrt hatten.
Ein Beben durchlief ihren Körper und sie schüttelte sich. Als er das Bewusstsein verloren hatte, hatte sie wirklich gedacht, es wäre aus mit ihm.
In ihrer Verzweiflung hatte sie ihn angeschrien, sanft an seinem Arm gerüttelt, sein Gesicht berührt, doch auf nichts von alledem hatte er reagiert.
Panik hatte von ihr Besitz ergriffen und zu dem Zeitpunkt, als der Krankenwagen endlich angekommen war, hatten die Sanitäter sie völlig aufgelöst vorgefunden.
Sie war mit ins Krankenhaus gefahren und hatte dort eine unerträglich lange Zeit lang warten müssen, hin und hergerissen zwischen einer unbeschreiblichen Angst und Hoffnung.
Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, war einer der Ärzte zu ihr gekommen und hatte ihr erklärt, dass Ian schwere Verletzungen davongetragen hatte und noch nicht aufgewacht war, aber dass er höchstwahrscheinlich durchkommen würde.
In diesem Moment hatten ihre Beine nachgegeben und sie war auf einem Stuhl zusammengebrochen, weinend und schluchzend vor Erleichterung.
Sie hatte noch fast den ganzen Tag bei Ian verbracht und neben ihm am Bett gesessen.
Rose erinnerte sich noch genau daran, wie sich seine Hand in ihrer angefühlt hatte und wie er ausgesehen hatte. Viel jünger, fast noch wie ein Kind, und irgendwie so zerbrechlich und schutzlos.
Obwohl sie sich dabei etwas lächerlich vorgekommen war, hatte sie die ganze Zeit über leise mit ihm geredet.
Sie hatte ihm von ihrer Kindheit erzählt, von ihrer Familie, ihren Freunden, ihren Hobbies, den Dingen, die sie mochte und denen, die sie nicht mochte.
Schließlich hatte sie noch dafür gesorgt, dass Ians Angehörige benachrichtigt wurden, hatte die Fragen der Polizisten beantwortet und hatte dann endlich nach Hause gehen können.
Auch jetzt, einen Tag später, standen ihr die Ereignisse noch so klar vor Augen, dass ihr immernoch schlecht wurde, wenn sie daran dachte. Doch sie musste irgendwie diesen Tag rumkriegen. Sie konnte sich unmöglich freinehmen, beschloss aber, nur das Dringendste im Büro zu erledigen und sich danach krank zu melden.

Sie betrat das Gebäude und es versetzte ihr einen schmerzhaften Stich, als ihr bewusst wurde, dass Ian heute nicht hier sein würde.
Sie atmete tief durch und stieß dann die Tür zu ihrem gemeinsamen Büro auf.
„Guten Morgen“, wurde sie von einer etwas rundlichen Frau mittleren Alters begrüßt, die sich sofort von Ians Schreibtisch erhob und ihr mit einem warmen Lächeln die Hand entgegen streckte. „Ich bin Melissa. Und ich freue mich trotz der Umstände auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.“
Rose ergriff ihre Hand vollkommen perplex und stellte sich ebenfalls vor. Dann fiel ihr Blick auf Ians Schreibtisch und sie riss vor Erstaunen den Mund auf. Auf seinem Tisch hatte ein gerahmtes Foto gestanden, das einen jungen Mann zeigte, der mit breitem Grinsen an einem Motorrad lehnte.
Es war einfach verschwunden, genau wie seine anderen Sachen. Stattdessen stand dort nun ein Bild, das Melissa mit einem Mann und zwei kleinen Mädchen zeigte. Was hatte das nur zu bedeuten?
„Ähm, Rose?“, löste Melissas Stimme sie sanft aus ihrer Starre. „Alles in Ordnung bei dir?“
„Ian“, war alles, was sie in diesem Moment noch hervor brachte, da Angst ihr die Kehle zuschnürte. Wenn seine Sachen weg waren, hieß das dann er war…tot?
„Das hat dir keiner gesagt?“, wollte Melissa wissen und schien sich mit einem Mal ziemlich unwohl in ihrer Haut zu fühlen. „Ian ist gestern entlassen worden.“
Die Worte drangen nur langsam an ihr Bewusstsein, doch als sie es taten, begann  die Welt um sie herum mit einem Mal, sich in erschreckendem Tempo um die eigene Achse zu drehen, und ihr wurde schlecht und schwindlig zur gleichen Zeit.
Wenn Melissa nicht sofort den Schreibtischstuhl zu ihr geschoben und sie sanft darauf gedrückt hätte, wäre sie vermutlich umgekippt.
„Hier, nimm das“, hörte sie Melissas Stimme von weit weg und einen Moment später tauchte auch schon ihr besorgtes Gesicht vor ihrem eigenen auf und ihr wurde ein Glas Wasser in die Hand gedrückt.
Sie nahm einen großen Schluck und es tat gut, als die prickelnde, kalte Flüssigkeit ihre ausgetrocknete Kehle hinunter rann.
„Ian hatte gestern einen schweren Autounfall und liegt im Krankenhaus“, brachte sie schließlich heraus und hörte, wie Melissa erschrocken den Atem einsog. „Ich war da, als es passiert ist, hab den Krankenwagen gerufen und bei ihm gesessen. Es war einfach schrecklich.“
Ein Beben durchlief ihren Körper und sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und ließ ihnen freien Lauf.
Melissa war sofort bei ihr, nahm sie in den Arm und fuhr ihr mit der Hand leicht über ihren Rücken.
„Der arme Kerl“, seufzte sie dabei auf. „Er hat wirklich schon genug durchgemacht.“
Erstaunt hob Rose das Gesicht. „Wie meinst du das?“
Melissa seufzte erneut auf, zog sich ihren Stuhl heran und nahm Rose gegenüber Platz. „Er war ganz anders, als er hier angefangen hat“, begann sie dann. „Er war unglaublich begabt und fleißig, ist mit jedem gut zurechtgekommen und war bei Weihnachtsfeiern immer der größte Spaßvogel.“ Sie zögerte kurz und holte tief Luft, dann fuhr sie fort: „Vor einem Jahr hatte sein großer Bruder einen Unfall mit seinem Motorrad und ist dabei ums Leben gekommen. Seitdem ist Ian nicht mehr derselbe gewesen.“
Rose konnte nicht fassen, was sie da hörte. Jetzt ergab auf einmal alles einen Sinn: Ians Stimmung, der traurige Ausdruck in seinen Augen.
Sie konnte sich kaum vorstellen, was Ian alles durchgemacht hatte, und bei dem Gedanken, dass er trotzdem einfach entlassen worden war, breitete sich eine lodernde Wut in ihr aus. Wie konnten ihre Chefs nur so unfair sein?
„Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber du siehst wirklich furchtbar aus“, riss Melissa sie aus ihren Gedanken. „Ich komme heute hier alleine zurecht. Geh du nach Hause und erhol dich ein bisschen. Ich kläre das auch mit den Chefs.“
Rose nickte nur dankbar und verließ dann das Büro. Doch sie hatte nicht vor, nach Hause zu fahren. Sie wollte nur noch zu Ian.

Ian befand sich auf einer grünen mit Blumen überwucherten Wiese, die von der untergehenden Sonne in goldenes Licht getaucht wurde.
Die Luft um ihn herum war erfüllt von einem fröhlichen Summen, das er irgendwo schon einmal gehört hatte, und Bilder von braunen Augen tauchten vor seinem inneren Auge auf, doch bevor er sie festhalten konnte, verschwanden sie wieder und er blieb ratlos zurück. Wo war er?
Ein anderes, lauteres Geräusch ertönte und vermischte sich mit dem Summen. Das Geräusch eines…Motors? 
In diesem Moment tauchte ein schwarzes Motorrad auf und fuhr völlig achtlos über die Wiese. Ein paar Meter von ihm entfernt stoppte es und der Fahrer schwang sich mit einer geschmeidigen Bewegung davon herunter und nahm seinen Helm ab.
Ian blieb vor Staunen der Mund offen stehen. „Connor?“
Ich musterte ihn eingehend. Wie er da vor mir stand, vollkommen erstaunt und verunsichert, sah er fast wieder aus wie der kleine Junge von damals.
Ein Gefühl tiefer Traurigkeit ergriff von mir Besitz, doch ich gab mir die größte Mühe, zu lächeln.
„Wen hast du denn sonst erwartet?“, fragte ich und zwinkerte ihm schelmisch zu.
„Ach du scheiße“, entfuhr es ihm und ich spürte die blanke Panik, die ihn dabei überflutete wie eine gigantische Welle. „Ich bin tot.“
Jetzt musste ich wirklich lachen. „Nein, du Idiot, natürlich bist du nicht tot“, meinte ich, dann wurde ich mit einem Mal wieder ernst. „Aber es war ziemlich knapp. Und ich schwöre dir, wenn du mich nochmal so verdammt erschreckst, bekommst du echt Ärger mit mir. Ich hätte beinahe einen Herzinfarkt bekommen!“
Ich bemerkte Ians zweifelndes Gesicht und fügte schnell hinzu: „Ja, ich weiß, das war eine etwas unpassende Redewendung.“
„Mann, und ich dachte, man wird im Tod weise oder sowas“, bemerkte Ian und fasste sich an den Kopf.
Nur mit Mühe konnte ich ernst bleiben. „Pah, als ob ich meine Weisheit an dich verschwenden würde.“
Er versetzte mir einen leichten Schlag und dann sahen wir uns an und brachen in lautes Gelächter aus. Gott, wie hatte ich diese Gespräche mit meinem Bruder vermisst!
Doch ich spürte, wie mir mehr und mehr die Zeit davon lief, deshalb wurde ich wieder ernst.
„Ian, du bist der tollste Bruder, den ich mir wünschen konnte, und ich liebe dich“, begann ich und meine Stimme brach. Ich räusperte mich und wischte mir möglichst unauffällig über die bereits nassen Augen. „Deshalb will ich, dass du glücklich wirst“, fuhr ich fort und sah ihn ernst an. „Die Leute in deinem Büro haben dich die ganze Zeit über nur ausgenutzt. Du hast dich fast totgearbeitet und absolut nichts dafür bekommen. Such dir einen anderen Job. Irgendetwas, ganz egal was. Werd‘ von mir aus Fotograf oder schnapp dir ein Tutu und werd‘ Ballerina, ganz egal, Hauptsache du bist glücklich.“ Eine einzelne Träne rann Ians Wange hinab und ich nahm seine Hand in meine, genoss es, wenigstens noch dieses eine Mal für ihn da sein zu können. „Erfüll dir deine Träume. Geh auf Reisen und mach dein Leben zu etwas ganz Besonderem“, bat ich ihn und spürte, wie die Tränen in meinen Augen brannten.
Vorsichtig ließ ich seine Hand los, stand langsam auf und lief von ihm weg. Jeder einzelne Schritt kostete mich sämtliche Kraft, die ich noch irgendwo in mir hatte, und der Schmerz, meinen Bruder erneut verlassen zu müssen, war so stark, dass ich das Gefühl hatte, in der Mitte zerrissen zu werden.
Natürlich hatte auch er bemerkt, was hier gerade passierte und sein Schmerz vermischte sich mit meinem eigenen und machte ihn noch unerträglicher.
„Connor!“, rief er mir nach und schluchzte dabei laut auf. Ich presste mir die Hände auf die Augen und machte noch einen Schritt. „Connor, geh nicht!“
Ich blieb stehen, am ganzen Körper zitternd und vollkommen aufgelöst, dann nahm ich nochmal all meine Kraft zusammen und drehte mich zu ihm um.
„Wir sehen uns irgendwann wieder“, erklärte ich ihm und rang mir ein Lächeln ab. „Aber erstmal musst du zurück gehen. Dein Platz ist jetzt woanders.“ Sein heftiges Schluchzen unterbrach mich. „Außerdem wartet jemand auf dich.“
Sein Gesicht nahm einen verwirrten Ausdruck an. „Was soll das heißen? Wer wartet auf mich?“
„Mach die Augen auf“, sagte ich sanft, „dann erfährst du es.“
Und in diesem Moment verschwand ich und musste ihn allein zurücklassen.

Ian wusste nicht, wie ihm geschah. Er raufte sich die Haare, schrie, weinte, bis er vollkommen kraftlos in sich zusammensank und einfach nur noch der Melodie zuhörte, die von überall her auf ihn einzudringen schien. Es war eine schöne Melodie und sie wurde immer lauter und lauter.
Die Wiese um ihn herum verschwand und ein anderes Bild tauchte vor seine Augen auf: Weiße Wände, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Fenster. Er selbst lag in einem weichen Bett und irgendwo um ihn herum piepsten leise irgendwelche Geräte.
Doch alles, was er in diesem Moment hörte, was das leise Summen, das gleiche Summen, das er eben gehört hatte, das er gehört hatte, als ich bei ihm gewesen war.
Er sah sich in dem Raum um, suchte ihn mit seinen Augen ab und entdeckte schließlich Rose, die in einer Ecke saß und erstaunt die Augen aufriss, als ihre Blicke sich trafen.
Sie rannte auf ihn zu und nahm ihn schluchzend in die Arme und nach einiger Zeit legte er ihr sanft seine Hand auf den Rücken und hielt sie fest, als sie ihm alles erzählte, was passiert war.

Seit diesem Tag ist mittlerweile einige Zeit vergangen und es hat sich viel in Ians Leben getan.
Ich beobachtete, wie Ian langsam und vorsichtig wieder zurück ins Leben fand: Ich sah, dass er wieder mehr aß, öfter lachte und endlich wieder Zeit mit seinen Freunden und unserer Familie verbrachte. Er probierte viele neue Sachen aus, ging auf Reisen, sah sich die Welt an und kam dabei zur Ruhe.
Ich lachte mit ihm, als er bei einem Praktikum versehentlich Blumen aus der Erde riss, weil er sie mit Unkraut verwechselt hatte, und konnte ihm nur zustimmen, dass er nicht für den Beruf als Gärtner gemacht war.
Und ich war unheimlich stolz, als er schließlich einen neuen Job fand, zwar wieder in einem Büro, doch dieses Mal in einem kleinen, fast schon familiären, in dem man ihn und seine Arbeit wirklich zu schätzen wusste und in dem er sich offensichtlich sehr wohl fühlt.
Aber, was vermutlich noch viel erstaunlicher ist: Ich konnte dabei zusehen, wie Ian und Rose sich ineinander verliebten.
Ich beobachtete, wie sie miteinander ausgingen, zusammen lachten, gemeinsam weinten, sich hin und wieder stritten, sich dann wieder vertrugen und wie ihre Liebe mit jedem Tag stärker wurde.
Am Tag ihrer Hochzeit lachte und weinte ich mit den anderen und war stolzer auf meinen kleinen Bruder, als ich in Worte fassen kann.
Als ein paar Jahre später ihr kleiner, wunderschöner Sohn, den sie nach mir benannten, auf die Welt kam, heulte ich Rotz und Wasser vor Rührung und lehnte mich schließlich entspannt zurück. In diesem Moment wusste ich, dass ich von nun an nicht mehr auf Ian aufpassen musste. Er war genau da, wo er hingehörte. Und es ging ihm endlich gut.